Zum Wendepunkt (Kapitel)



Über die Liebe
Der Bau des Friedensmals - ein Zeichen

Frieden und Liebe, und das meint auch den inneren Frieden und eine Liebe, die bedingungslos ist, könnten in unserer Gesellschaft noch sehr viel stärker verankert sein. Mal hier und da blitzt ein Erkennen der tieferen Zusammenhänge auf und dabei bleibt es etwas sehr Flüchtiges.

Die Weisen wissen um die Macht der Worte und Zeichen. Wir sind von ihnen umgeben und sie wirken auf uns. Zeichen flüstern uns ihre Botschaften fortwährend zu und wirken in die Gesellschaft hinein. Kultur gestaltet Zeichen. In den Zeichen einer Kultur zeigt sich in kristallisierter Form ihr Denken. Zeichen erzählen über kulturelle Werte und gehören zum Fundament, auf dem eine Gesellschaft gebaut ist. Laßt uns Zeichen des Herzens setzen!

Kulturen haben immer aus gutem Grunde mit Denkmälern und Bauwerken festgemacht, was Kultur für sie bedeutet. Es ist ein Prozess der Selbstdefinition. Es muß verankert werden, was als Neues im Erkennen gewonnen wurde, sonst weht es wieder weg wie ein guter Duft im Wind. Die Friedensmale sollen Botschaften verankern und sind als gesetzte Zeichen in die Welt gesprochene Worte. Könnte das in unserer Zeit des Informationsterrors mit den Worten der Sprache allein gelingen? „Symbol, Stein und Natur” ist eine so archaische Sprache, daß sie selbst heute noch die Tiefe der Seele erreichen kann.

Und doch geht es um viel mehr als um Steine...

Der Mensch soll das wahre Friedensmal sein: Jeder Mensch, dessen Geist, Wort und Tat durch die Liebe bestimmt ist, wird zum Friedensmal.

Diese Liebe ist wie ein Licht, das einfach nur strahlen will und sich ohne Erwartungen jedem schenken kann, der dafür offen ist. Im Deutschen haben wir merkwürdigerweise nur ein Wort: Liebe. Vielmehr als die Liebe, die als auf eine bestimmte Person wahrgenommen wird, ist hier die transformierte Form gemeint: die Agape. Es ist eine gemeinschaftliche und fördernde Liebe, die ohne Bedingungen ist. Sie ist jenseits eines Konzeptes von Liebe. Vielmehr ist sie eine Realität in der Schöpfung, die mit einem offenen Herzen wahrgenommen werden kann.

Agape ist also nicht die exklusive partnerschaftliche Liebe, doch ist sie sogar die Voraussetzung für eine wahre Beziehung; für jede wahre Beziehung. Sie ist wie eine offene Tür dafür. Deshalb sind die meisten Beziehungen zwischen Menschen, die sich mal verliebten, so trostlos, weil die Agape fehlt. Sie gibt in einer Beziehung erst den Raum für die Entwicklung der Partner.

Die Liebe braucht man nicht zu erzwingen oder suchen, denn das, was man erzwingen wollte oder suchen wollte, wäre dann bestimmt keine Liebe. Die Liebe ist in uns und um uns herum - immer. Man braucht den Partner nicht deshalb, um in ihr zu sein. Mit einem Gegenüber kann ich sie teilen - und das ist etwas sehr kostbares und wunderschön. 

Man braucht sich der Liebe nur zu öffnen. Meist ist es die einseitige Fokusierung auf den Verstand, die es uns heute so schwer macht, mit dem Herzen die Liebe wahrzunehmen. Jeder kann es in den Augen des Anderen sehen, wenn diese Liebe da ist - ob das Gegenüber ein Mann oder eine Frau ist, fremd oder bekannt. Und so ist's auch natürlich. Die Liebe ist nicht nur für bestimmte Menschen da, oder gerade nur in Beziehung von einem Mann zu einer Frau zu denken. In dieser Ausschließlichkeit wäre das Abhängigkeit statt Liebe. Die eigentliche Liebe ist einfach da, sie ist um einen herum und in einem und will sich fortwährend immer nur schenken. 

Die Liebe ist da, immer. Man meint oft, sie würde „entstehen”, eben genau dann: wenn man nicht daran denkt; weil man in dem Moment nicht denkt, sondern fühlt. Denn es sind die Konzepte des Verstandes, welche fast immer die Liebe nicht zulassen. Mit dem Verstand kann man nicht lieben, doch der Verstand kann Entscheidungen treffen.

Es ist eine Entscheidung, Entwicklungen zuzulassen. Es ist eine Entscheidung die man trifft, wenn man genügend Vertrauen ins Leben hat, sich zu öffnen und zu fühlen; mehr Leben zuzulassen, nicht weniger. Kein Zwang, keine Erwartungen, keine Projektionen, sondern Lebensfreude, teilen wollen, sich mitteilen wollen, eben Liebe; so flach und falsch der Begriff heute auch verwendet wird, ist es doch möglich, wieder wesentlich zu werden.

Warum muß man über die Agape überhaupt schreiben, wenn diese Liebe doch einfach da ist? Wahrscheinlich, weil sie „einfach” da ist, wir uns mit unserem Denken in dieser Gesellschaft aber schon weit vom dem entfernt haben, was einfach und natürlich ist. Das Leben heute, die Art unseres Denkens, ist doch sehr kompliziert geworden - unmenschlich kompliziert.

In unserer Kultur wird der Verstand zu sehr betont und darüber das „Herz” vergessen. Wenn man nur noch in seinem Verstand ist, dann verliert man die Verbindung mit dem „Herzen” und dann spürt man diese Liebe nicht mehr; dann ist man davon abgeschnitten. All die herzlose Kopfarbeit heute unterstützt das leider. Wie ließe sich Herz und Verstand miteinander verbinden? Wie erreiche ich es, wenn ich mit dem Verstand arbeite, dann immer noch mit meinen Gefühlen in Verbindung zu bleiben? Ich glaube man braucht eine gute Ordnung im Tage, so daß man den Bedürfnissen von Körper, Geist und Seele gleichermaßen gerecht werden kann. Wenige Menschen nehmen sich noch die Zeit, die Schönheit in der Welt wahrzunehmen und zu genießen. Wie könnte man da noch von Lebensfreude sprechen?

Wir müssen wieder erkennen, daß die Zeiten der Muße nicht Faulheit sind, sondern eine Achtung vorm Leben und dem Menschsein bedeuten können. Andererseits kann die einseitige Ausrichtung auf Leistung eine Verachtung des Lebens bedeuten. Wie bei so vielen Dingen im Leben kommt es wohl auf das ausgewogene Maß an. Die Extreme sind meist ungesund und doch ist in der Welt immer dieses Pendeln zwischen den Extremen zu finden, da das eine Extrem das andere hervorruft. Wie sich aber aus diesem Automatismus des Wahnsinns befreien? Wie könnten die Menschen ihre Mitte finden und damit auch die Gesellschaft, in der sie leben?

Das Projekt vom Friedensmal soll eine Anregung dazu sein - ein gesetztes Zeichen oder eine Verankerung...

Es ist sehr schwierig, anders zu leben, wie das in einer Gesellschaft üblich ist. Wer kann auch unbeeinflußt von den kollektiven Bildern einer Gesellschaft bleiben?

Ich glaube, die Freiheit muß man erst lernen und darüber haben wir in unserer Kultur eigentlich nichts gelernt. Das ist vielleicht das Grundübel. Und so müssen wir das erkennen und nachholen.

Es müsste eigentlich zum Grundwissen gehören, daß wir Menschen uns in unserem Denken immer innerhalb unserer Konzepte bewegen. Die Konzepte können sich völlig aus der natürlichen Ordnung gelöst haben - wir merken es nicht, weil wir nicht gelernt haben, „von außen” - eigentlich aus unserem Bewußtsein - auf diese Person zu schauen, die in ihren Konzepten gefangen ist: nämlich man selbst. So entsteht viel Leid.

Von der Agape wissen die meisten Menschen nichts, sie können sich diese Liebe auch nicht vorstellen; sie haben kein Konzept von ihr. Und wenn sie etwas darüber lesen, sehen und verstehen sie das Neue immer im Licht des alten Konzeptes. Was also tun? Zuerst glaube ich, muß man es für möglich halten, daß es so etwas wie Agape gibt; d. h. die eigenen Konzepte, wie man eben das Leben sieht, nicht mehr für absolut setzen, sondern erwarten, daß es da noch viel mehr außerhalb des eigenen Denkens gibt. Diese Offenheit oder noch genauer, diese Demut kann erst den Weg vom Denken in die Erfahrung bereiten, also das Herz mit dem Verstand verbinden.

Weil die Agape gar kein Konzept ist, sondern eine objektive Realität in der Ordnung der Schöpfung, steht sie jenseits unserer interpretierenden Konzepte. Wenn man sich öffnet, die Agape zu erfahren, dann wird diese Erfahrung die eigenen kleinen Konzepte erweitern. Man wird dann wahrnehmen können, was schon immer da war, man aber vorher nicht mehr spüren konnte.

So hat das Schreiben von der Agape durchaus Sinn. Man kann sich die Agape zwar durchs Lesen nicht als ein Wissen aneignen, aber mancher Leser mag sich ermutigt fühlen, sich in einer - richtig verstandenen - Demut, für die Erfahrung zu öffnen.



Zum Wendepunkt (Kapitel)