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Leider wurde das folgende Interview nicht veröffentlicht, weil das Thema und meine Antworten der Zeitung dann vielleicht doch als zu brisant erschien und man sich vor einer offenen Diskusion scheute. Diese Art von fehlendem Mut festigt die Erstarrung und hilft so letztlich den negativen Kräften in der Gesellschaft. Das Interview kann ich heute (2004) nicht mehr anders sagen. Heute würde ich milder reden.

1. Sie haben ein Buch über einen neuen Zugang zum Thema Holocaust und über die 
   Vision einer neuen Menschlichkeit geschrieben.  Was hat Sie dazu bewegt?

   Gerade als junger Mensch war es für mich unfassbar zu sehen, mit welcher Heuchelei 
und Verdrehtheit die Diskussion über das Holocaust-Mahnmal geführt wurde.  Wir müssen 
doch einen Weg finden, der in die Zukunft weist, der Grund zur Hoffnung gibt, der aufruft 
etwas zu tun, statt nur über die eigene Schlechtigkeit und Schuld zu klagen.  Ich habe 
ein Buch über das Leben, den Menschen und die Menschlichkeit geschrieben.  Ich glaube 
es ist dringend notwendig, dieses schreckliche Geschehen - den Holocaust - aus einem 
Blickwinkel zu betrachten, der nicht trennend wirkt und nur Schuldgefühle erzeugt, 
sondern der uns weiterbringt - in eine menschlichere Gesellschaft.  Ein Ansatz, der uns 
führt, nach den Ursachen dieser Katastrophe in der menschlichen Seele zu suchen und 
der uns erlaubt - ohne das Gefühl einer geerbten Schande - unserer Verantwortung 
gerecht zu werden.


2. Sie gehören der sogenannten "Enkelgeneration" an, die mit den schrecklichen 
   Geschehnissen des Holocaust keine direkte Verbindung mehr hat.  Halten Sie sich 
   für berufen, das Thema im Bewußtsein der jüngeren Generation wachzuhalten?

   Nein.  Ich selber hatte mit diesem "Thema" vorher nie etwas zu tun haben wollen. 
Es gab ja genügend Mahner, die sich dazu sehr berufen fühlten und es gut verstanden, 
einem Minderwertigkeitsgefühle zu vermitteln.  Was ich aber versuchen möchte, ist, einen 
neuen Zugang zum Thema Holocaust zu zeigen, der keinem Minderwertigkeitskomplex 
 - eine Ursache des Holocaust - anhängt, sondern ihn auflöst.  Sollte sich diese Sicht 
durchsetzen, dann braucht es keine Mahner mehr, um das Thema im Bewußtsein auch 
der jüngeren Generation wachzuhalten.  Es wird begriffen, daß die Ursachen dieser 
schrecklichen Geschehnisse in uns selber liegen - daß sie auch zu unserem Leben 
gehören - heute.


3. Warum finden Sie, daß die Menschlichkeit in der heutigen Zeit einer dringenden 
   Kurskorrektur bedarf?

   Schauen Sie sich um. Hören Sie sich um.  Man sieht jeden Tag soviel Gewalt, und was 
man hört ist allzuoft Lärm.  Wir werden von allen Seiten mit so viel Unmenschlichem 
gefüttert, daß es unserer Seele schadet.  Die Konsequenz daraus sollte nicht sein, die 
Gewalt in uns noch besser auszudrücken, sondern uns mit Dingen zu beschäftigen, die 
unsere guten Seiten stärken.  Warum verletzen wir uns gegenseitig so oft?  Menschlichkeit 
bedeutet für mich, die Würde der Menschen zu achten, weder den Leib noch die Seele 
des Anderen verletzen zu wollen.  Ich möchte deutlich machen, daß Menschlichkeit mit 
Demut zu tun hat, daß die Demut der Schlüssel zu mehr Menschlichkeit ist, denn 
menschlicher werden wir nur, wenn wir uns unserer Fehler bewußt sind und gleichzeitig 
um den Wert des Lebens wissen. - Es ist so kalt in diesem Land.  Wer interessiert sich 
wirklich noch für den Nächsten?  Wer sagt "Guten Morgen" oder "Danke" und meint das 
auch so?  Menschlichkeit hat doch auch etwas mit der menschlichen Wärme zu tun, mit 
Nähe.  Doch wir ignorieren uns gegenseitig.  Millionen von Menschen vereinsamen in diesem
Land.  Warum haben wir so viel Angst voreinander?  Warum sehen wir den anderen 
Menschen nicht zunächst als einen Freund an, der vielleicht unsere Hilfe braucht, statt 
als einen Feind, vor dem wir Angst haben müssen?  Warum singen wir heute nicht mehr? 
Wieviele Leute verschenken ein Lächeln, ohne sich darum zu sorgen, ob auch etwas 
zurückkommt?


4. Wie sollen die älteren Generationen an Ihr Projekt "Wendepunkt" herangehen?  Wie 
   wollen Sie die Verkrustungen und Erstarrungen aus dem Schmerz der eigenen 
   Erfahrungen bei ihnen lösen?

   Zuhören und prüfen - das wünsche ich mir von den älteren Generationen.  Dieses 
Projekt ist auch eine Antwort der Enkelgeneration auf die Walser / Bubis Debatte.  Wenn
ich erreiche, daß mein Ansatz überhaupt zur Kenntnis genommen wird, dann habe ich viel 
erreicht.  Leider ist die Überzeugung, daß es bei der Mahnmal-Diskussion nichts Neues 
geben kann, ja daß eine angemessene Lösung an sich unmöglich ist, sehr gefestigt.  Wir 
haben doch schon 10 Jahre diskutiert - heißt es.  Und das ist falsch.  Es wurden 10 Jahre 
diskutiert, doch nicht "wir" haben diskutiert.  Günther Nenning spricht in seinem "Presse-
Kommentar von außen" (17. 5. '99 in der Wiener Zeitung "Die Presse") von den medien-
kundigen Erziehern, die diskutiert haben.  Er spricht vom stummen Volk und einem 
Mahnmalkrampf.  Doch das Volk war in dieser Debatte keineswegs stumm.  Tausende von 
Vorschlägen wurden gemacht.  Ich selber habe lange versucht, meine Ideen über die 
periodischen Medien bekanntzumachen.  Leider werden gewöhnlich Beiträge aus der 
nichtprominenten Bürgerschaft ignoriert.  Frische Ideen waren nicht zu sehen, weil es 
eben keine offene Debatte ist.  Die Folge:  Zehn Jahre Mahnmalkrampf, zehn Jahre Debatte
an der Wirklichkeit vorbei.  Wie Sie vielleicht wissen, verlangten etablierte Kreise nach
einem Mahnmal, das dem Zeitgeist entspricht.  Gewaltig und erdrückend sollte es sein. 
Dunkel, hoffnungslos - und sinnlos.  Wie können wir uns aus der Erstarrung lösen?  Auf 
Gewalt wird mit Gewalt geantwortet.  Das ist gerade die Ursache des Problems.  Wir 
müssen versuchen den Teufelskreis der Gewalt und der Schmerzen zu durchbrechen. 
Mein Vorschlag zeigt diesen Weg:  Wir gehen in unser eigenes Inneres und nehmen durch 
die Kraft der Liebe unsere Schmerzen an - statt sie an andere weiterzugeben.  So sind 
wir mehr und mehr in der Lage, unser Herz zu öffnen, und das ist der Weg in eine 
menschlichere Gesellschaft.  Ein "Mahnmal der Versöhnung" zöge endlich die Konsequenz 
aus der schrecklichsten Katastrophe der deutschen Geschichte.  Wir haben die Chance, 
ein solches Mahnmal zu errichten, das die Menschen in ihrem Innersten berühren könnte
und Hoffnung gibt, daß es lohnt sich zu engagieren und für das Gute einzutreten.


5. Wie reagieren die Generation Ihrer Eltern / Großeltern auf Ihre Denkungsart und Ihr
   Engagement?

   Diese Generationen tun sich schwer, wirklich offen über das "Thema" Holocaust zu 
reden.  Der Abstand zu dem schrecklichen Geschehen ist noch zu gering.  Das ist 
verständlich.  Dabei sehe ich die Gefahr, die jüngere Generation für das Thema zu 
verlieren, wenn es nicht gelingt, zu einer ehrlicheren Auseinandersetzung zu kommen.


6. Sie warnen in Ihrem Buch vor einem Mahnmal, dass zu einem "größenwahnsinnigem
   Bekenntnis" würde.  Sie fordern mehr Demut.  Der neue Zugang zum Holocaust, den Sie mit 
   dem geistigen wie dem realen Wendepunkt eröffnen wollen, soll zeigen, wie der Mensch
   mit Schmerz und Schuld besser umgehen könnte.  Wem widmen Sie Ihre Arbeit?

   Soll denn gerade eine Geisteshaltung, die den Holocaust erst ermöglichte, auch zu 
einem Mahnmal, das eigentlich dagegen stehen sollte, führen?  Nur ein Zyniker wird sagen,
daß dies das beste Mahnmal sei.  Dieses Buch richtet sich an alle Menschen.  Es geht um 
wichtige Lebensfragen der Menschen heute, und es geht um Veränderungen in unserer 
Gesellschaft, denn das beste Gedenken an die größte Katastrophe der deutschen 
Geschichte ist mehr Menschlichkeit im täglichen Leben.  Wenn wir die Ursachen dieser 
Katastrophe kennen, wenn wir die Ursachen der Unmenschlichkeit kennen und so zu 
einem ehrlichen Gedenken kommen, dann halten wir den Schlüssel zu mehr Menschlichkeit
in der Hand.  Dieses Buch ist gegen den Zeitgeist gerichtet.  Es ruft zu mehr Demut auf. 
Ich versuche auch meinen Glauben zu verdeutlichen, nämlich daß es einen Sinn im Leben 
gibt, daß es ein stilles Glück gibt, daß sich die ehrliche Suche nach Gott lohnt, und daß 
wir vor allem erst mal Hoffnung haben müssen.


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