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Vorwort des Autors (1998)

  Anfang März im Jahre 1998 begann meine Arbeit an einem Projekt, das auch einen neuen
  Zugang zum Holocaust zeigen sollte. Der Grund für mein plötzliches Engagement bei 
  diesem Thema war sehr ungewöhnlich: eine Vision. Leider mußte ich erfahren, daß es 
  sehr schwer ist, Beachtung bei Politikern und Medien zu finden, wenn man nicht als 
  berühmt angesehen wird. Das Problem, mit dem ich dabei kämpfe, ist nicht der Wille 
  dieser Menschen, Schlechtes zu tun, sondern die oftmals geäußerte Auffassung, keine 
  Zeit für mein Anliegen zu haben. Es ist paradox, daß sich mein Projekt auch gerade mit 
  diesem Problem beschäftigt. Das Projekt - das Mahnmal - soll ja gerade die Ursachen 
  des Bösen begreiflich machen. Schlechtes kann sich nur entfalten, wenn es an Engage-
  ment fehlt, diesem Gutes entgegenzusetzen - wenn weggeschaut wird. Dies gilt nicht 
  nur für die gesellschaftliche Ebene, sondern auch für die dunklen Seiten in uns selber, 
  die sich oft hinter einer gar nicht so bedrohlichen Normalität verbergen.
      Das erste Bild meiner Website "Die Vision" beschreibt die Heilung als den Weg zur 
  inneren Freiheit. Es drückt ein Sehnen nach Schönheit aus, die in der Natur, im Geist 
  und Charakter sichtbar ist. Es zeigt Trauer, wie wenig von den Möglichkeiten des 
  Menschen gelebt wird. Was ist der Grund für die inneren Zwänge? Wo liegen die 
  Verletzungen? Wo ist der innere Schmerz? 
  - Heilung geschieht durch das Annehmen der Wahrheit. - Ich träume von einer Welt der 
  freien Menschen und dafür arbeite ich. Es ist der Weg aus der Dunkelheit zum Licht. 
  Dies klingt nach einer Utopie, ist es aber gerade nicht, da jeder die Möglichkeit hat, dies
  für die eigene Seele zu verwirklichen.
  Dieses Projekt ist der Versuch, die Tragödie des Holocaust wieder auf eine (persönliche)
  Ebene zu bringen, auf welcher der Einzelne unmittelbar Verantwortung hat. Hier kann
  dem Bösen und einer unentrinnbaren Schuld (geplantes monumentales Mahnmal) Macht 
  genommen werden. Hier ist Hoffnung, denn Veränderung und Heilung sind möglich und 
  eine persönliche Herausforderung für jeden.




Moderne Kunst?



Life, © T. Zieringer



"Drei grundsätzliche Bedenken haben die verschiedenen künstlerischen Gestaltungen 
 dieser Thematik begleitet. 
 1. Ob in seiner Darstellung nicht immer eine ästhetische Faszination mitschwingt, die 
     trotz ihrer kritischen Intention den sinnlichen Genuß am Schrecklichen erlaubt.
 2. Ob sich dieses historische Ereignis nicht prinzipiell künstlerischer Darstellung entzieht,
     weil es jede Bildvorstellung sprengt. 
 3. Ob das Unvergleichliche des Nationalsozialismus nicht in das gestalterische Dilemma 
     führt, entweder seine Vernichtungsmaschinerie in geläufigen Bildformeln zu verharm-
     losen oder Banalität des Bösen in elitären Bildkonzepten zu verfehlen."
     (Aus einem Aufsatz von Guido Boulboullé.)

 Als ich das Bild meiner Vision verschiedenen Leuten zeigte, war die Reaktion sehr 
 ermutigend. Aber von Leuten aus den "kunstinteressierten" Kreisen kam auch der Vorwurf,
 die Gestaltung sei viel zu konventionell.
 1. Ich glaube, man sollte im Auge behalten, daß es sich hier um ein Denkmal handelt und 
 nicht um einen Beweis größter Phantasie, die dem Zeitgeist hinterher läuft. Hier gibt es 
 keinen sinnlichen Genuß des Schrecklichen. Das Grauen erscheint nüchtern und ist 
 vielleicht gerade deshalb so intensiv und gut zu begreifen. Es packt nicht, sondern läßt 
 sich packen. Das Schöne in dem Denkmal bringt die Liebe und Hoffnung zum Ausdruck, 
 für die dieser Ansatz steht und wodurch er sich von so vielen anderen Gestaltungen 
 unterscheidet.
 2. Dieser Ansatz konzentriert sich nicht darauf, das Grauen des Holocaust in direkter 
 Weise mit künstlerischen Mitteln zum Ausdruck bringen zu wollen. Dieser Versuch wäre 
 meiner Meinung nach überheblich. Ich glaube, daß KZ-Gedenkstätten dabei in ihrer 
 Wirkung jeder künstlerischen Gestaltung überlegen sind. Und ich glaube, daß es an sich 
 unmöglich ist, in einem Mahnmal in unmittelbarer Weise ein begreifbares Bild des Horrors 
 zu vermitteln, der für die Ermordung von 6 Millionen Menschen steht.
 Mein Ansatz ist völlig anderer Natur. Die Gestaltung unterstreicht den Wert des Lebens, 
 statt zu versuchen das Grauen des Holocaust in direkter Weise auszudrücken. Sie erlaubt
 es, in unsere eigene Seele zu schauen, und es wird klar, daß es so durchaus möglich ist, 
 die persönlichen Entscheidungen der am Holocaust beteiligten Menschen nachzuvollziehen.
 So wird ein Beiseiteschieben schwieriger, und wir beginnen, den Holocaust auf einer
 persönlichen Ebene zu begreifen.
     Die Sicht auf den Wert des Lebens ermöglicht Gedenken, Lernen und Hoffnung, und so 
 braucht man sich dann auch nicht mehr angestrengt um eine angemessene Häßlichkeit 
 zu bemühen. Für wen baut man denn dieses Mahnmal?  Erreicht eine solche Gestaltung 
 nicht viel eher die Leute und ist auch dem Thema  angemessener? Es geht doch darum, 
 den Menschen viel mehr anzubieten als nur ein schlechtes Gefühl. Die Ortsnamen auf den
 Steinen, eine überschaubare Größe des Denkmals und seine Stille tragen zu einem 
 besseren Verständnis bei und sind auch ein Ausdruck des hier verfolgten Weges, die 
 Menschen frei und in Frieden zu empfangen, statt sie abzuschrecken oder zu erdrücken. 
 3. In der Gestaltung fällt die Schlichtheit und die Dichte im Ring auf. Sie muß schlicht sein,
 um nicht von den Listen der Konzentrationslager abzulenken, die nicht nur das Ausmaß 
 des Holocaust verdeutlichen, die Größe der Vernichtungsmaschinerie zeigend, sondern 
 auch einen Bezug zur stillen Normalität der Täter herstellen, die an ihrem Schreibtisch
 saßen und Listen schrieben. Schnell wäre diese fühlbare Qualität dahin, wenn man hier
 nicht sehr vorsichtig gestalten würde.

 Das Mahnmal soll über das "Kunstwerk" hinaus, ein Zeichen sein. Es ist gerade falsch, 
 hier mit dem Zeitgeist zu gehen. Es soll noch lange Zeit verstanden werden und ange-
 messen sein. Es geht um Klarheit und eine Botschaft, die angenommen werden kann, 
 weil sie wahr und gut ist und weil sie den Menschen nicht in die Enge treibt, sondern 
 trotz ihrer schockierenden Wirkung auch das Versprechen einer wunderbaren Freiheit 
 zeigt. Es darf nicht darum gehen, wer die "lauteste" Idee umsetzt.




Eine Botschaft



Die Rede, © T. Zieringer



 Es geht hier nicht um das monumentale kollektive Bekenntnis einer Schuld, die so 
 unfaßbar bleiben muß. Dies  könnte Heuchelei sein und dazu führen, daß eine wirkliche;
 Veränderung verhindert wird. Der neue Zugang soll erreichen, daß Wahres angenommen
  werden kann und außerdem spricht er den Menschen auf einer persönlichen Ebene an 
 und macht so klar, daß es auf den Einzelnen ankommt - heute. Hier gibt es Freiheit, 
 Verleugnung, Schuld, Veränderung, Wachstum, Vergebung und Hoffnung. Das Nachdenken 
 über den Holocaust muß auf eine persönliche Ebene gebracht werden, denn hier entstehen 
 die Probleme und hier hat jeder die Möglichkeit etwas zu ändern. Dankbar bin ich für jede 
 Unterstützung des Projektes "Wendepunkt - Die Vision einer neuen Menschlichkeit".
 
              Laßt uns diesen Millionen von Menschen, die von einer Ideologie
              hingemordet wurden, in der Freiheit keinen Platz hatte, laßt uns
              ihnen eine letzte Ehre erweisen. Laßt uns offen sein für eine
              Bedeutung, die heute einen Unterschied macht. Das "Mahnmal
              der Versöhnung" soll zu einem Symbol werden für Freiheit, Heilung
              und Veränderung - für alle Menschen.
 
 In Deutschland eine Veränderung bei dieser Frage zu bewirken, ist sehr schwierig. Das 
 Thema ist vielen zu sensibel. Viel lieber möchte man wegschauen. Und meine Gestaltung 
 handelt gerade von der normalen, leisen, unaufdringlichen Schuld des Wegschauens, die 
 auch den Holocaust erst ermöglichte - dies gilt besonders für die persönliche Ebene. 
 Selbst die Täter waren nicht selten überraschend normale Menschen, die zu oft bei ihren
 dunklen Seiten weggeschaut hatten - verletzte Menschen und deswegen sehr normal. 
 Die schlimmsten Täter haben "nur" Wörter und Listen mit Namen geschrieben. 

     Das Buch "Wendepunkt" habe ich geschrieben, um meine Ideen bekanntzumachen. 
 Ich hoffe genügend Unterstützung zu finden, damit ein nationales Mahnmal der Versöh-
 nung  gebaut werden kann. In der Tageszeitung "Die Welt" war am 20. 11. 1999 zu 
 lesen, daß auch auf Grund der "Diskussion" um ein geplantes monumentales Holocaust-
 Mahnmal in Berlin, der Antisemitismus in Deutschland zunehme. Ein Mahnmal sollten wir 
 für die Menschen bauen, nicht gegen sie; und wir sollten nicht meinen, es hauptsächlich
 für die Weltöffentlichkeit bauen zu müssen.
     Dies wäre der ehrliche Weg, und mein ganzes Bemühen ist es, das Projekt "Wende-
 punkt" mit einer solchen Ehrlichkeit Wirklichkeit werden zu lassen.


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