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   "...Ich verstehe Ihre Sorge, daß man sich einarbeiten und mitdenken muß, um Ihren 
Vorschlag zu verstehen; auch das Argument, daß dies Zeit braucht. Sie sollten nicht 
vergessen, daß in der politischen Wirklichkeit die Dinge zur Entscheidung drängen, daß 
der Bundeskanzler heute eine Entscheidung dem Bundestag übertragen hat; daß mit 
anderen Worten die Zeit effektiv nicht zur Verfügung stehen wird, die Sie wünschen und 
glauben zu benötigen. Es wäre schade, wenn ein interessanter und berechtigter Anstoß 
zum Nachdenken nicht berücksichtigt wird, nur weil der Initiator sich dafür mehr Zeit 
lassen will, als objektiv vorhanden ist. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hat 
Gorbatschow einmal gesagt."
   Prof. Egon Bahr, 11. 11. 1998



Warum wir einen neuen "Zugang" brauchen

Mit meinem Projekt möchte ich mich auch dem Problem stellen, daß die jüngere Generation 
den Zugang zum "Thema" Holocaust zu verlieren droht. Ursachen und gesellschaftliche 
Auswirkungen der Katastrophe bestehen auch heute noch fort. Wenn uns der Zugang 
verloren geht, verlieren wir Freiheit, weil ein wichtiger Teil auch der Ursachen heutiger 
Probleme in der Dunkelheit bleibt. Warum sich immer mehr Menschen von dem für unser 
Land so wichtigen Thema abwenden, hat meiner Meinung nach die 10-jährige sogenannte 
Mahnmal-Debatte und ihre Durchführung zeigen können. Die Diskutierenden waren unter 
sich, weil die Debatte nicht offen geführt wurde. Zu groß waren die Ängste, zu groß war die 
Erstarrung. Auch über eine Berliner PR-Agentur habe ich versucht, eine Beteiligung an der 
Debatte zu erreichen. Erfolglos. "Soviel Falschheit und Feigheit habe ich bisher noch nicht 
erlebt" - war der Kommentar der PR-Fachfrau, die im Bereich der Politik durchaus einiges
gewohnt war. In der Wiener Zeitung "Die Presse" hatte GüntherNenning diese Situation in
Deutschland als Mahnmalkrampf bezeichnet. 
Schließlich wurde außerhalb des Mahnmal-Wettbewerbs durch eine politische Entscheidung 
beschlossen, den  Eisenman-Entwurf  zu verwirklichen. Dies gelang, weil hierbei inzwischen 
die größte Sorge vieler Politiker und Journalisten war, „das Thema endlich zu einem würdigen 
Ergebnis zu führen”. Eine weitere Diskussion des Themas könnte dem Ansehen des Landes 
schaden - war auch die Meinung. Folglich erschien es sinnvoll einen berühmten Architekten, der 
amerikanischer Jude ist, mit der Gestaltung dieses sensiblen Denkmals zu beauftragen.

Stern: Eisenman entwirft, Spielberg liefert zu - mutet es nicht seltsam an, wenn Juden 
das Gedenken der Deutschen an ihre jüdischen Opfer organisieren?

Friedman: Anscheinend können es die Deutschen alleine (immer) noch nicht. Schade.
[Aus einem Interview mit Michel Friedman, Mitglied des Zentralrats der Juden in 
Deutschland, Stern 4/1999, Seite 121]


Das Ende der Debatte?
   Gegen Ende der Debatte kam auch noch ein anderer Vorschlag in die Diskussion. Der 
Theologe Richard Schröder, Vizepräsident der Berliner Humboldt-Universität wollte zum 
Gedenken an 6 Millionen Tote einen Stein mit der Inschrift "Du sollst nicht morden" auf 
einem Platz aufstellen lassen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser 
Vorschlag nur aus Alibigründen in die Öffentlichkeit gelangen konnte.  Er hatte Zustimmung 
erhalten, weil es ein "nettes" Mahnmal war, das  nicht weh tat. Die Peinlichkeit und 
Gequältheit war aber zu offensichtlich. Eigentlich sollte doch jeder wissen, daß man sechs
Millionen Menschen nicht morden soll. So hatte man nun einen nicht ernstzunehmenden
Gegenvorschlag zum Eisenman-Entwurf, was die Wahl einfach machte. Nach der Abstimmung 
über das nationale Holocaust-Mahnmal im Parlament, das auf Grund der Sensibilität des 
Themas dem vorher im Ausschuß für Kultur und Medien abgesprochenen Ablauf folgte, 
war die Berichterstattung über das Ergebnis der Debatte überwiegend positiv. Es wurde von 
einer "würdevollen Entscheidung" gesprochen. Mir gegenüber hatten aber nur wenige Tage 
vorher die gleichen Journalisten die Debatte als "Gipfel", als "traurig und unangemessen" 
bezeichnet.

   "Die bisherigen Entwürfe zeigen gnadenlosen oder didaktischen Kitsch, geschraubte 
Symbole. Arroganz gegenüber den Anwohnern und Besuchern. Nochmals stelle ich die 
Frage: Warum wollen die Denkmalerrichter den getöteten Menschen eine rachsüchtige, 
feindselige und unangenehme Maske anlegen?"
   György Konrad, Präsident der Akademie der Künste, Berlin [Stern 48 /1999, Seite 48]

   "Dieser Ort kann etwas sein, worauf die Menschen stolz sind. Es geht nicht um die 
Schande, sondern darum zu zeigen: Wir haben begriffen, worum es geht. Wir haben 
unsere Lehren gezogen. Die Menschen sollen ein positives Gefühl entwickeln, nicht 
aber Schande und Schuld."
   Eugene DuBow vom AJC (American Jewish Committee) [Berliner Morgenpost, "Es ist 
gut, daß es eine neue Holocaust-Debatte gibt", 9. 12. 1998]



Die Entscheidung

   In den Monaten vor der endgültigen Entscheidung zum Berliner Mahnmal im Bundestag, 
gelang es mir Unterstützung auch in der Politik zu finden. Die junge CDU-Abgeordnete 
Frau Widmann-Mauz formulierte einen Antrag in denen Positionen zu finden waren, 
die den in meinem Buch geäußerten Vorstellungen über einen notwendingen anderen 
Umgang mit dem "Thema Holocaust" entsprachen. In ihrem Antrag ging es um die 
Einbeziehung aller Opfergruppen - vor allem aber wurde gefordert, daß ein Mahnmal die 
Würde des Menschen verdeutlichen solle. Dies war nun etwas grundlegend Neues in der 
politischen Diskussion. Bislang wurde nur darüber gesprochen, irgendwie das Grauen des 
Holocaust in einem Mahnmal zu verdeutlichen, oder nicht wenigen Bürgern wünschenswerter, 
gar kein Mahnmal bauen zu müssen.



Ergebnis:
   In den Medien wurde der Antrag von Frau Widmann-Mauz, der auch zur Abstimmung
 kam, nicht erwähnt. Dennoch erhielt der Antrag, trotz fehlender Öffentlichkeit, mehr als 
100 Stimmen von Bundestagsabgeordneten. Egon Bahr, schrieb mir nach der Entscheidung 
daß ich nicht resignieren solle, obgleich es nun doch so ausgegangen ist, wie erwartet. 


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