Zum Wendepunkt (Kapitel)


In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne (Friedrich v. Schiller)

Das Bewußtsein von Herkunft und Identität macht sich an den Zeichen einer Kultur fest. So wie Mahnmäler zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und der eigenen deutschen Identität aufrufen, so diente das Jerusalem Friedensmal als Zeichen zur Wendung einer Gebrochenheit in die Vision einer neuen Menschlichkeit. Der Terror im sog. 3. Reich kann nicht der Kern der deutschen Kultur sein; es wäre ihr Ende. Aus der Kälte und der Einsamkeit sollen Herzen zu neuem Leben erwachen.

„Ein Mentalitätswandel ist überfällig” (von der Leyen, Familienministerin), denn wenige Kinder werden nur noch in unserem Land geboren. Tatsächlich spricht daraus der Terror der Einsamkeit. Mit diesem Begriff beschrieb der Architekt Peter Eisenman seine Gestaltung, das „Holocaust-Mahnmal” in Berlin. Auch wer das Mahnmal in seiner Architektur kritisiert, könnte sehen, daß es doch der aktuellen Seelenlage in unserem Land Ausdruck gibt.

Wie spricht die heutige Kultur unseres Landes zu Ihnen? Welche Sprache sprechen viele Bilder, Symbole, Bauwerke und Denkmäler, die Ihnen täglich begegnen? Welche Sprache sprechen die heute gültigen Werte? Eisenman nannte es „Terror der Einsamkeit”.

„Die Vision einer neuen Menschlichkeit” ist eine Ermutigung, sich für eine menschlichere Welt zu engagieren. Nur eine positive Vision und die Arbeit daran kann den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sichern.

Das Jerusalem Friedensmal zeigt das Durchbrechen des Teufelskreises von Schmerz und Gewalt. Es ist der Teufelskreis des bloßen Reagierens von Menschen auf äußere Reize, gefangen in ihren Projektionen; gefangen in ihren begrenzenden Bildern, in deren Rahmen sie Wahrheit sehen und glauben; gefangen in ihrem Verstand; gefangen in ihrem Terror der Einsamkeit. Wo bleibt der Mensch?

Diese Zustände heute, die beklagt werden, sind die Wirkungen bestimmter Ideen. Es sind die Ideen und die Gedanken, die sich in die Realität umsetzen. Eine Veränderung hin zu einer wieder gesünderen und überlebensfähigen Gesellschaft nimmt also im Kopf des Einzelnen ihren Anfang. Das bedeutet, daß wirkliche Bildung, die zu allererst Herzensbildung meint, aus diesem Grund die Überlebensfrage für eine Gesellschaft ist. Damit ist gerade nicht gemeint, daß Schüler einen PC mit Internetanschluß bereits in der Grundschule haben müßten. Der Verstand gilt zwar heute viel, doch was das Wissen erst zur Weisheit macht und im Herzen wohnt, gilt recht wenig. Diese Geringschätzung ist auch „nur” eine Idee; und eine leider zerstörerische. Wo bleiben heute die Philosophen, diejenigen, welche die Weisheit wirklich lieben?

Alle Entwicklung die man im Außen beobachtet, ist im Inneren gegründet. Das Leben ist Entwicklung. Entfremdung von den Grundlagen des Lebens mündet im Zerfall und auf dem Humus des Zerfallenen kann wieder gesünderes Neues wachsen. Der Zerfall im Äußeren war vorher schon im Inneren vorhanden, dieser wird nur sichtbar. Die Gründe für den inneren Zerfall wird man im Missbrauch von Religion und dessen Folgen und in den Ideen moderner Ideologien finden. Es ist alles kein Zu-Fall. Es sind die Ideen, die ihre Wirkung entfalten und die Blindheit der Menschen, welche jede Idee annehmen würden, ist vorhanden. Doch auch dies ist eine Frage echter Bildung, die lebens- und liebesfähig macht, statt zu betäuben. So groß das technische Wissen heute auch ist, so wenig wird der Geist geachtet. Vielleicht bedeutet es diesem Zustand zu widerstehen, daß man die Ideen wieder lebt, die überhaupt Leben in sich tragen. Würde dies nicht den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit bedeuten?


Wir klagen über den Zustand der Welt...

Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, Physik: der Grad der Unordnung (Entropie), nimmt in einem geschlossenen System niemals ab. Das ist z. B. der Grund, warum scheinbar von selbst die eigene Wohnung mit der Zeit unordentlich wird und man eines Tages Energie aufwenden muß, um aufzuräumen. Dieses Gesetzt gilt auch für den Zustand von Gesellschaften. Ohne dauerndes Mühen, ohne Energieaufwand für eine positive Entwicklung einer Gesellschaft, ohne eine gute Vision, zerstört sich diese Gesellschaft von innen heraus selbst. Das Leben ist im Fluß. Leben bedeutet fortwährende Veränderung - Leben ist ein Prozess! Ist die immer notwendige Veränderung durch Besitzstandswahrung oder „Sicherheitsbedenken” blockiert, werden neue Wege von vornherein durch mangelnde Unterstützung im System bestraft, wird diese Gesellschaft bald an ihren Verkrustungen ersticken. Denn die Veränderung im Leben läßt sich nicht aufhalten. Das alleine ist wirklich sicher. Das, was sich nur aufhalten läßt ist die Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich eine Gesellschaft weiterentwickeln will. Verschließt sich eine Gesellschaft vor dieser Aufgabe, so wird sie schließlich doch Veränderung erfahren - ihren eigenen Niedergang.


...und verantwortlich sind die Anderen?

So kann auch Frieden zwischen verschiedenen Völkern oder in einer Gesellschaft oder als innerer Friede beim einzelnen Menschen kein Zustand sein, auf den passiv gewartete wird. Es bedarf einer andauernden Anstrengung für den Frieden, also Frieden als Weg, um nicht in den Unfrieden zu fallen. Es bedarf des eigenen Engagements und es braucht vor allem Mut, den Mut zum Leben. „Unsere Kultur hat die Tendenz, Menschen hervorzubringen, die keinen Mut mehr haben und die es nicht wagen, auf eine anregende und intensive Weise zu leben. Wir werden darauf getrimmt, nach Sicherheit als Lebensziel zu streben” (Erich Fromm, Die Pathologie der Normalität).


Was kann ich Positives tun?


Welche Höhen hatte der Geist in unserem Land vor der Zeit des Nationalsozialismus erklommen: in der Baukunst, der Philosophie, Literatur und Wissenschaft. Die Wissenschaftssprache der Welt war deutsch und die Nobelpreise gingen zu einem großen Teil nach Deutschland. Welch ein Abstieg in unsere heutige Konsum-„Kultur”, die so wenig von der Sehnsucht der Seele und der Würde des Menschen weiß; ein Blick in die Fernsehprogramme oder auf die oft entvölkerten Plätze der Innenstädte verdeutlicht das. Sicherlich korrigiert das Leben sehr schnell jene Entwicklungen, die sich vom Leben entfernt haben. Doch warum ist der Mensch so anfällig für den Wahn? Nur wenige Menschen erkennen es sogar, wenn ihm eine ganze Gesellschaft verfällt. Warum folgt die Masse der Leute denen, welche die Macht und die Stimme haben, statt denen, die gute Gründe für ihre Ansichten vorbringen?

Was in Deutschland war eigentlich ursächlich verantwortlich für den Faschismus und seine Folgen? Wer alles hatte sich vor der Zeit des Faschismus um eine durchgeistigte, das freie Denken fördernde und auf einem Wertefundament ruhende Kultur bemüht? Und welche Werte sind heute gültig? Daß Hitler in Deutschland möglich war, das ist mehr als nur ein „rotes Warnlicht” für diese Kultur. Ohne eine innere Umkehr, deren Notwendigkeit - das sollte beim Mahnen und Erinnern an die Vergangenheit auch nicht vergessen werden - weit über den Begriff Vergangenheitsbewältigung hinausreicht, wird das Land an Seele und Geist weiter verarmen. Die Geschichte wiederholt sich, wenn nicht der Baum des Lebens den Teufelskreis durchbrechen kann.

Die Grenzenlosigkeit, ja Maßlosigkeit in der Verschwendung der angesammelten geistigen und materiellen Ressourcen dieses Landes hat die Voraussetzung für neue soziale Konflikte geschaffen. Nicht zuletzt trugen die Unsicherheit aus der unbewältigten Vergangenheit und der Mißbrauch - aus einem schlechten Gewissen heraus - an den jüngeren Generationen, indem Scham- und Schuldgefühle weitergegeben wurden, statt der Liebe und dem Geist einer Kulturnation, daß der Faschismus mehr Boden im Land erhielt. Er bräuchte nicht mehr als die Fähigkeit, ihn für sich zu nutzen. Warum verschließt sich die etablierte Politik dieser Einsicht?

Lautet nicht eines der zwei wichtigsten christlichen Gebote: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst”? Wie sehr doch Deutschland in der Vergangenheit dieses Gebot mißachtet hat und wie sehr es das heute noch tut! Hat ein Land Zukunft, das sich nicht selbst lieben kann?

Ein baldiges Ende dieser Kultur ist möglich. Wird es gar einen zweiten Hitler in Deutschland geben? Ein „starker Mann, der endlich wieder Ordnung schafft”, der dem Land eine Vision über sich selbst und seine kulturelle Identität vermittelt, wird bereits wieder von nicht wenigen Menschen ersehnt. Nicht wieder darf die eigene Verantwortung abgegeben werden. Die unbewältigte Vergangenheit wiederholt sich. Der Staat braucht mehr Mut zur Freiheit! Gerade die angestrengte „Bewältigung der Vergangenheit” in diesem Land mit seinen Sprech- und so auch Denkverboten, als ob es kein Internet mit einem breiten Angebot an Gutem und Schlechten gäbe, zeigt, wie unbewältigt die Vergangenheit tatsächlich ist. Welcher Geist wird damit also letztlich gefördert? Sicherlich erleichtert die Meinungs- und Redefreiheit auch die Hetze. Doch wie soll eine Gesellschaft je in solch einen gefestigten Zustand kommen, daß sie immun gegenüber der Hetze wird, wenn sie in guten Zeiten nicht damit in Berührung kommt und die Herausforderung besteht?

Was soll die deutsche Kultur ausmachen? Wer sind wir? Die Grundlage einer Staatsgemeinschaft ist ihre kulturelle Identität. Dabei geht es gar nicht um Nationalismus. Der freie Mensch ist ganz natürlich Teil einer traditionellen Gemeinschaft. Es geht also um die Frage, ob das Verhältnis zu dieser noch ein gesundes ist. Wie schwer ist es, sich als Deutscher anzunehmen! Man denkt dabei an die Geschehnisse am Anfang des 20. Jahrhunderts in diesem Land. Doch darf es bei der Frage nach der Identität nicht um Selbsterniedrigung gehen. Diese wäre nur die andere Seite der Selbsterhöhung und sicherlich ist es so, daß viele gute Ideale mit diesem Land und seinem Volk verbunden sind. Könnte ein durch und durch unanständiges Volk tatsächlich so an seiner Vergangenheit leiden? Dieses Leid an „sich selbst” setzt doch ein moralisches Bewußtsein voraus. Die Betrachtung soll zu einem gesunden Maß der Mitte führen: weder Engel noch Teufel sind wir Menschen.

Im gebrochenen Bezug zur Geschichte der eigenen Gemeinschaft liegt die Gefahr des kulturellen Niedergangs. Erst ihre gesunden Wurzeln befähigen die Gemeinschaft im Gang der Zeit durch ihre vitale Entwicklungsfähigkeit zu bestehen. Untreu ist dieses Land sich selbst gegenüber geworden, gegenüber seinem Geist und seiner Seele! Das Unverarbeitete in unserer Geschichte bedarf der Integration, damit die Gemeinschaft Kraft für die Gestaltung ihrer Zukunft hat. Das Jerusalem Friedensmal steht für diesen notwendigen Integrationsschritt. Solange wir über die Mahnmale hinaus nicht zum Frieden gelangt sind, ist die deutsche Vergangenheit unbewältigt. Ein Kaddisch möge gesagt werden, denn wir brauchen die Heiligung. Es wäre ein Weg zu gehen und den Ausdruck einer geistigen Veränderung zu gestalten, welche die Würde der Deutschen als Kulturvolk wiederherstellte.

Das Berliner Mahnmal macht vielleicht auch auf eine in ihren Reaktionsmechanismen erstarrte und im Geistigen durchindustrialisierte Gesellschaft aufmerksam. Das Jerusalem Friedensmal zeigt einen Ausweg, der ein Herzensweg zu tiefer Lebensfreude ist. Über die Lebensfreude und die Liebe wäre auch eine erfolgreiche „Familienpolitik” machbar, die dem Land wieder Zukunft gibt. Diese Logik, so einfach sie ist, macht Sinn. Aber welche „Logik” gilt heute? Seit neuestem ist in Deutschland aus finanziellen Gründen das Thema „Kinder” angesagt. Das soll die Rente sichern. Ob sich aber in dieser Lieblosigkeit nun die Probleme lösen lassen und das Leben wieder eine Chance erhält? Oder ist es nicht so, daß erst in der Liebe ein Vertrauen entsteht, mit dem ein menschliches Miteinander möglich ist? Entwickelt sich nicht erst mit der Liebe die Bereitschaft, sich nach außen zu öffnen und das Leben zu wagen?

Ein offenes Herz haben nicht viele Menschen in dieser Gesellschaft. Wenn man sein Herz öffnet wirkt eine Kraft, die in der Lage ist, all die Illusionen an denen man sich festhält, wegzuspülen. All die Kleingeistigkeit und die enge Pseudomoral mit ihren Grenzen (so macht man das!) würde einfach wie mit einem Seufzer in einer innigen Umarmung losgelassen. Davor haben diese Menschen, die sich doch an den Illusionen festhalten, die enge Grenzen brauchen, Angst. Und diese Angst ist nur mit einem offenen Herzen, mit Liebe zu besänftigen. Die tiefen Erfahrungen sind überhaupt erst mit einem offenen Herzen möglich.

Das Friedensmal soll zuallererst Mut machen; Mut zum Lieben, um den Weg weiterzugehen, Mut zum Leben. Das, was als Last erscheint, soll gewendet werden in einen Segen. Im Friedensmal spricht so die leise Stimme der Seele in ihrer Sehnsucht. Es wäre ein Entwicklungsschritt: Wir kommen in Frieden mit unserer Vergangenheit durch den Entschluß, den Frieden und die Liebe - auch im Blick zurück - jetzt zu leben.




Beschreibung des Gesamt-Projektes


Das Projekt ist - anders als bei Denkmal-Gestaltungen gewohnt - nicht als ein statisches Bild, sondern als Prozess gestaltet. Alles Statische wird zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung zu einem Hindernis im Leben, denn Leben ist immer im Fluß. Leben bedeutet fortdauernde Veränderung und nicht statisches Festhalten. Bilder sind immer nur Momentaufnahmen aus begrenzter Perspektive. Menschen neigen dazu, ihre aus der Begrenzung des Verstandes heraus entstandenen Bilder für wahr zu halten und ihnen zu dienen. Die einem Prozess innenwohnende Bewegung kann aus den Gedankengefängnissen wieder herausleiten.

Das Gesamtprojekt „Das Jerusalem Friedensmal - die Vision einer neuen Menschlichkeit” stellt sich aufgegliedert in drei Gestaltungen an drei verschiedenen Orten dar:

1.) Metropolregion Rhein-Neckar und Metropolregion Rhein-Main: Jerusalem Friedensmal in Bensheim. Seelische Auseinandersetzung und Schritt in die Integration: ins Reine kommen mit der eigenen Identität. Gründung einer Jüdischen Gemeinde in Bensheim: Schalom leben!

2.) Fulda: Die Friedensrose (das Innerste Element des Friedensmals in Bensheim) als Markierung eines Ortes für das Gebet und die Meditation. Darstellung des geistigen Entwicklungsprozesses im geistlichen Umfeld.

3.) Israel: Garten der Versöhnung. Internationale Perspektive. Brücke vom Geistlichen in die Welt.


„Gebt mir einen festen Punkt und ich hebe die Welt aus den Angeln” Archimedes

Wir Menschen denken in Bildern und Worten. Das Bewußtsein einer Gesellschaft wird durch die ihr zur Verfügung stehenden Bilder und Worte bestimmt. Deshalb ist „Die Vision einer neuen Menschlichkeit” als ein kulturelles Projekt viel mehr als ein Kunstwerk. Dieses kulturelle Projekt kann eine tiefe Wirkung im kollektiven Bewußtsein der Gesellschaft entfalten. Die Vision verankert einen Prozess der Heilung und wirkt als fester Punkt im Zusammenhang mit dem Trauma, welches das „Holocaust-Mahnmal” in Berlin anspricht, für das geistig-seelische Erwachen in eine neue Ebene des Bewußtseins hinein. Möge es Menschen zusammenbringen und eine Begeisterung bei ihnen entfachen, damit dieses Land sein Herz wiederfinde.

Initiativen für eine menschlichere Welt, sind der praktische Ausdruck eines neuen Denkens, welches die gegenseitige Abhängigkeit in komplexen Systemen anerkennt. Ob die Ideen einer menschlicheren Welt auf fruchtbaren Boden fallen, hat mit dem Bewußtsein zu tun, das sie aufnehmen soll. Ist das Bewußtsein nicht vorhanden, ist jede Mühe umsonst. Symbole können sehr kraftvoll darin sein, ein neues Denken gesellschaftlich zu stabilisieren und zu fördern. Das Projekt von der Vision einer neuen Menschlichkeit zielt ganz darauf, „den Boden fruchtbar zu machen”. Es ist unwahrscheinlich, daß ein neues Denken in einer Gesellschaft in einem wirksamen Umfang zur Geltung kommen kann, in der es Mahnmale, aber keine Friedensmale gibt. Gelingt aber der Bau der Friedensmale und werden sie in ihrer Bedeutung anerkannt, so wäre dies das sichtbare Zeichen für einen gelungenen Paradigmenwechsel und damit das Zeichen für eine friedensfähigere und zukunftsfähigere Welt.




Die Vision einer neuen Menschlichkeit


Ein Kernproblem des Menschseins ist, daß der Mensch in einer sich verändernden Welt seinen Bildern verhaftet ist und er Angst davor hat, sie zu verlieren. Neue Bilder, die von außen kommen, sei es im religiösen Bereich oder sei es aus der Beziehung zu anderen Menschen, werden leicht als Bedrohung empfunden, da sie tatsächlich eine Gefahr für den Bestand der eigenen Bilder zu der Zeit sind. Das ruft Ablehnung hervor. Die Bilder könnten sich auflösen und der Mensch verlöre seinen Halt. Die Angst davor ist berechtigt, denn was fängt den Menschen auf, der sich verliert? Ohne Vertrauen, daß man selbst Teil einer größeren Entwicklung ist, ohne Vertrauen in Gott, ist der Schritt aus der Gefangenschaft in der eigenen Bilderwelt, ein Schritt ins Leere, statt ein Schritt auf dem Weg mit Gott hin zu Ihm. Das ist die wahre Bedeutung des Glaubens. Damit ist nicht gemeint, etwas ungeprüft glauben zu müssen, weil es von einer Autorität vertreten wird.

Die Erlösung bzw. die Befreiung stellt sich als eine Befreiung von den Bildern dar. Es ist ein Schritt in ein unbekanntes Land - ins gelobte Land! Nicht mehr voller Angst hält man an seinen Bildern fest, sondern voller Gottvertrauen geht man seinen geistigen Weg. Über dieses Thema ist viel von den Propheten Israels im „Alten Testament” gesprochen worden. Die Verhaftung an die Bilder, ihre Anbetung, wird als Götzendienst bezeichnet. Es ist oft die falsch verstandene „Religion” im Sinne einer Ideologie, die im Menschen die stärksten und starrsten Bilder errichtet. Übrigens gibt es wenige Menschen, die in diesem (falschen) Sinne keine „Religion” haben.

Am verbreitetsten ist im westlichen Kulturkreis die „Religion” des Konsums, des Materialismus und der „Selbstverwirklichung” (Egoismus wäre das weniger klangvolle Wort), die in der Isolation von den materiellen und seelischen Lebensgrundlagen mündet. Der quasi-religiöse Charakter dieser geistigen Strömungen bleibt dabei den meisten Menschen verborgen. Gerade auch jenen, die Religion ansich als archaische Überbleibsel längst vergangener Zeit betrachten möchten.

In den folgenden Abschnitten möchte ich „Die Vision einer neuen Menschlichkeit” im Detail vorstellen. Zuerst betrachte ich das Projekt in Bensheim. Dies entspricht auch dem zeitlichen Ablauf der Errichtung der Friedensmale: Bensheim - Fulda - Israel. Die Torah fängt mit dem Buchstaben „Beth” an. „Beth” ist hebräisch und bedeutet Haus. Damit ist das Haus des Bewußtseins gemeint. Ohne dieses „Haus” hätte der Mensch keinen Raum zum Wahrnehmen und Denken. Deshalb steht Beth am Anfang der Selbsterkenntnis. So beginnt auch der Prozess der „Vision einer neuen Menschlichkeit” mit dem Friedensmal in Bensheim bei Beth, dem Haus des Bewußtseins. Der Prozess beginnt bei diesem Friedensmal als ein Ort der seelischen Innenschau. Es macht Sinn, daß Beth vom Durchbruch der Wirklichkeit in die Welt des Menschen spricht und, daß das Jerusalem
Friedensmal in Bensheim den Baum des Lebens darstellt, der den Teufelskreis durchbricht. Möge der Mensch den Baum des Lebens erreichen! In dem Maße wie man sich von den begrenzenden Bildern hat lösen können, möge man sich immer bewußter werden, in einem „Haus” gebaut aus den Tugenden und dem hohen Ideal der Rechtschaffenheit, zu wohnen.

Glücklich der Mensch, der Weisheit gefunden hat, der Mensch, der Verständnis erlangt! Denn ihr Erwerb ist besser als Silber und wertvoller als Gold ihr Gewinn. Kostbarer ist sie als Korallen, und alle deine Kleinode kommen an Wert ihr nicht gleich. Länge des Lebens ist in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre. Ihre Wege sind freundliche Wege, und alle ihre Pfade sind Frieden. Ein Baum des Lebens ist sie für alle, die sie ergreifen, und wer an ihr festhält, ist glücklich zu preisen. (Sprüche 3, 13-18)



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