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Blick vom Friedensmal in die Rheinebene mit der Stadt Worms, Stadt des ehemaligen "Jerusalem am Rhein" (ShUM Städte)

Die Erinnerung bewahren

Das Friedensmal befindet sich in Deutschland. Es ist konfrontiert mit der Shoa, dem größten heute noch wirksamen Trauma der Deutschen und Juden. Vom Friedensmal aus schaut man in die Rheinebene. Am Horizont sieht man die Stadt Worms; die Mitte des ehemaligen "Jerusalem am Rhein".

Jerusalem am Rhein

Bereits die Anfänge der deutsch-jüdischen Geschichte brauchen eine Anerkennung und einen Frieden. Blickt man vom Kreis des Friedensmals aus nach Westen zwischen den beiden Hügeln in die Rheinebene, so sieht man die Silhouette der Stadt Worms mit ihrem großen Dom am Horizont. Es ist die mittlere der auf einer Linie liegenden Rheinstädte Speyer, Worms und Mainz, die "Jerusalem am Rhein" oder SchUm genannt wurden. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa gelten sie als Geburtsstätte des europäischen Judentums. Durch Verfolgung der Juden und Zerstörung ihrer Gemeinden - Soldaten zogen auf dem Kreuzzug nach Jerusalem im Jahr 1096 durch das „Jerusalem am Rhein“ - ging im Hochmittelalter diese jüdische Hochkultur zugrunde. Das wird in der modernen jüdischen Geschichtsschreibung oft als erster Fall eines Antisemitismus dargestellt, der nie zu vergessende Ereignisse schuf und dessen Höhepunkt die Shoa war.



Der Jerusalem Erinnerungsstein am Europäischen Fernwanderweg

"Jerusalem ist mehr als ein Ort, Jerusalem ist ein Zustand der Schönheit. Jerusalem ist überall dort, wo Schönheit ist. Jetzt ist auch etwas davon bei Ihnen in Bensheim; und Bensheim kann damit auch in Jerusalem sein, wenn es will. Um in das Jerusalem von oben zu gelangen, muss man durch das Jerusalem von unten. Diese Möglichkeit hätte nun jeder in Bensheim." Aus dem Grußwort des Frankfurter Rabbiners Andrew Steiman zur Einweihung des Jerusalem Erinnerungssteins am 21. 10. 2012

YERUSHALAYIM   (deutsch: Jerusalem, Gründung des Friedens) ist auf den Erinnerungsstein am Rand des Weges geschrieben. Der Name ist seit jeher eine Metapher für Schönheit, Hoffnung und Licht. Als himmlisches Jerusalem ist er ein Ruf für eine Welt, in der Menschen in Frieden, Freiheit und gutem Willen für einander zusammen leben. Die hebräische Form des Namens wurde als ein versöhnendes Bekenntnis zu einer jüdischen Wurzel der europäischen Kultur gewählt. So wurden über das Christentum Werte der Tora, z. B. die 10 Gebote, in unserer Kultur verankert. Bereits die Anfänge der deutsch-jüdischen Geschichte brauchen eine Anerkennung

Der Jerusalem Stein zur Erinnerung

Zur aktuellen politischen Lage - über "Frieden und Zäune"  (September 2015)

„Jerusalem“ ist mehr als eine religiöse Ideologie; es bezeichnet eine Idee des Lebens.  Diese ist wie die Hoffnung aus einem dunklen Traum aufzuwachen und sich in einer Welt wiederzufinden, in der Menschen sich nah sind und in aller Aufrichtigkeit berühren. Das beginnt in den Worten, die wir sprechen. Doch diese Nähe, in die jeder seine Schönheit einbringen mag, ist ohne gesunde Grenzen nicht möglich. Wir würden uns sonst verlieren. 

Ohne Abgrenzung ist Leben nicht möglich. Zäune und Grenzen errichten wir um Werte und die Verschiedenartigkeit von Vorstellungen und Strukturen zu schützen. Materie selbst ist Struktur, also Begrenzung. Je durchgeistigter eine Kultur, je mehr die gesunden Grenzen und die Werte im Innern verwirklicht sind, desto mehr können tatsächlich auch die äußeren Zäune innerhalb dieser Kultur fallen. Es bleibt die natürliche Abgrenzung nach außen. 

Ein "himmlisches Jerusalem auf Erden" ließe sich auch nicht durch das Einreißen von Zäunen erzwingen. In dieser Vorstellung liegt nicht Frieden und Menschlichkeit, sondern ideologische Verblendung und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem, was Zäune schützen. Die Folge davon sind noch mehr Streit und Krieg. „Yerushalayim, dass wir unseren Halt nicht hinter Zäunen der Ideologie suchen“ - steht auf dem Erinnerungsstein neben dem Friedensmal. Es gibt einen friedlichen Weg Grenzen zu überwinden. Dieser kann nur bei uns selbst beginnen. Der Friedensweg ins eigene Innere führte wieder nach außen in die Verantwortung in der Welt. 

Die aktuellen politischen Ereignisse in Deutschland zeigen deutlich, wie wichtig eine Heilung der kulturellen Wurzeln der Deutschen ist.


Heilung einer Wurzel eigener Identität

Jerusalem  ist Wurzel und Vision, eingewebt in unserer Kultur; vielfach verletzt in Vergangenheit und Gegenwart. Die Freiheit und die Fülle des Lebens, die wir uns als Menschen und als Gesellschaft wünschen, sind ohne eine Heilung der tiefen Wunden in der eigenen Seele und im kollektiven Bewusstsein nicht zu leben. Erst das machte uns frei für ein umfassenderes Verständnis der Welt und für verantwortliche Handlungsweisen heute. "Aus der Vergangenheit lernen" bedeutet, eine Bürde der Vergangenheit in einen Segen für die Zukunft zu wandeln. 


Die Vergangenheit am Ort


Die unbeschriftete Seite des Erinnerungssteins weist nach Westen ins Hochstädter Tal, in dem es aufgrund von Bergbau seit dem Jahr 1865 zahlreiche unterirdische Stollen gibt. Noch gegen Ende des 2. Weltkrieges sollte dort deshalb geschützt vor Luftangriffen eine Rüstungsproduktion aufgebaut werden. Dafür wurden verschleppte Griechen und KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Das Thema ist hier Krieg und Gewaltherrschaft und unser Umgang mit dieser deutschen Vergangenheit. Dieses Lager wurde als Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass geführt. Thema ist somit auch das eine System von Haupt- und Außenlagern, das während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft Europa überzog. Der Jerusalem Erinnerungsstein mahnt im Kontext eines Zivilisationsbruchs, sich nicht von Ideologien gefangen nehmen zu lassen und sich der Werte zu erinnern, die uns vom himmlischen Jerusalem sprechen lassen.

Jerusalem Stein dunkle Seite

Wir wissen, dass wir nie in einer Welt zufrieden sein können in der Ignoranz und Hass überschattet, was eigentlich ein Leben erfüllt von Schönheit, Wahrheit und Güte sein sollte. Nur wo Licht ist, kann Dunkelheit weichen und so ist es die positive Seite
"Yerushalayim", die dem Erinnerungsstein den Namen gibt. „Ihr Zuschauenden, die ihr keine Mörderhand erhobt, aber die ihr den Staub nicht von eurer Sehnsucht schütteltet, die ihr stehenbliebt, dort, wo er zu Licht verwandelt wird - schrieb nach der Shoah die Jüdin Nelly Sachs in einem Gedicht. 

Wo sich Staub zu Licht wandelt

Denkmäler können eine Ermutigung sein, sich für Frieden und Freiheit zu engagieren und so aus der Vergangenheit zu lernen. Wo erleben wir Krieg statt Frieden im eigenen Leben? Wie können wir Verantwortung im Sinne von Yerushalayim - dem himmlischen Jerusalem - in der Welt übernehmen? Wo fängt unsere Verantwortung an?  Wo sich Staub zu Licht wandelt“ - diese Inschrift auf dem Boden vor dem Erinnerungsstein weist zum Baum des Lebens im Friedensmal. Es zeigt den Gang in die eigene Mitte: Frieden und Freiheit fangen im eigenen Innern an. 

„Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest“ (Gandhi)